Leseprobe aus

Dorfgeschichten

Artiges und UnArtiges
in Mundart und Schriftdeutsch

Das Dorf

Die Einladung

Niemals komme ich wieder in dieses verdammte Dorf zurück. Niemals!
Damals habe ich mir das geschworen. Dann habe ich das Dorf verlassen, verletzt, gekränkt.
Wie tief ich in diesem Dorf verwurzelt war, habe ich im Laufe der Jahre schmerzlich erfahren. Das Heimweh hat mich anfangs fast umgebracht.
Und nun haben mich meine Schulkameraden eingeladen. Goldene Konfirmation würden sie feiern, sie würden sich freuen, wenn ich mit dabei wäre, stand in dem Brief.
Die Einladung riss die alten Wunden wieder auf.
Das Heimweh, das ich so erfolgreich unterdrückt hatte, meldete sich mit aller Macht.
Ich habe lange überlegt, ob ich der Einladung Folge leisten soll.
Dann packte ich meine Reisetasche und fuhr in mein Dorf.

Die Ankunft

Die Einfahrt ist moderner geworden, breiter. Auch ein Fremder wird keine Schwierigkeiten haben, das Dorf zu finden.
Inmitten von sanften Hügeln, umgeben von Wäldern, Wiesen und Feldern liegt es vor mir.
Mein Herz klopft schneller. Ich habe ein Kribbeln im Bauch, wie eine Verliebte beim ersten Rendezvous.
Ich fahre mitten hinein bis zum Marktplatz, zur Kirche.

Der Marktplatz

Auf dem Markplatz vermisse ich den alten Sandsteinbrunnen vor dem Rathaus. An dieser Stelle hat man einen Brunnen aus hellgelben Steinen errichtet. Von seiner glatten, glänzenden Oberfläche wird niemals Moos Besitz ergreifen können, haben Algen keine Chance.
Es ist heiß an diesem Tag.
Männer, Frauen und Kinder stehen mit Handwagen, in denen allerhand Gefäße wie Eimer, Kannen, Fässer in Reih und Glied aufgestellt sind, vor dem Brunnen.
Wie eh und je holen sich die Hobbygärtner das Gießwasser für ihre Krautgärten dort.
Am Dorfbrunnen fließt es gebührenfrei.

In der Straße, wo ich lebte

Ich wandere durch die Straßen, suche meine Kindheit, meine Jugend. Alles wirkt sauber, gepflegt, steril.
Von den Misthaufen vor den Häusern ist keiner mehr zu finden.
Selbst das allerkleinste Stückchen Land zwischen Straße und Haus ist zu einem Vorgärtchen geworden.
Damals waren rechts und links der Straßen gepflasterte Rinnen, in denen das Wasser bei Regen die abschüssige Straße hinunterschoss, um bei der Brunnengasse um die Ecke zu fließen und dann irgendwo im unteren Dorf zu versickern.
Die Straßen waren nicht geteert, die Oberflächen rau.
Jeden Samstag war es meine Aufgabe, die Straße vor unserem Haus sonntagsfein zu machen.
Genau bis zur Mitte musste gekehrt werden. Wenn ich stellenweise einige Zentimeter vor der Straßenmitte aufhörte, zog ich mir den Zorn der alten Nachbarin zu.
Ich hatte große Angst vor ihr. So gewöhnte ich mir an, den Besen weit über die Mitte der Straße zu führen.
Unangenehm war die Straßenreinigung nach tagelangem Regenwetter. Die Straße war aufgeweicht, mit dem Besen konnte man nichts ausrichten.
In solchen Fällen musste man eine Krücke oder Kratze benutzen, ein Gerät, breit wie ein Gartenrechen. Anstatt der Zinken war jedoch ein durchgehendes Eisenblech angebracht.
Ich setzte in der Mitte der Straße an und zog die aufgeweichte Erde, vermischt mit Geröll, Stück für Stück in Richtung Haus.

Badetag

Manchmal, wenn ich etwas später mit der Straßenreinigung begonnen hatte, floss aus den Abflussrohren der oberen Häuser ein großer Schwall Wasser in die Rinne, die Straße hinab, und die Luft war voller Tannennadelduft.
Samstag war Badetag.
In keinem der Häuser befand sich ein Badezimmer. Am Badetag stellte man eine Badewanne aus Zink in die Küche und alle Familienmitglieder setzten sich nacheinander in dieses Wasser. Nach jedem Bad wurde heißes Wasser nachgefüllt.
An heißen Sommertagen fand die Prozedur in der Waschküche statt, und wir Kinder gingen abends zum Baden an den Schwarzbach. Streng getrennt vergnügten wir uns dort am Bubenbadeplatz und Mädchenbadeplatz.
Ab und zu leistete man sich ein Wannenbad im Keller der Schule. Die Wannenbäder im Schulhaus waren eine moderne Einrichtung, auf die alle Einwohner stolz waren. Nicht in jedem Dorf gab es öffentliche Wannenbäder.
Die Einwohner, die es sich leisten konnten, benutzten jeden Samstag das Bad in der Schule.
Ich sehe noch die alte Schusterin mit ihrer Einkaufstasche vor mir. Obenauf lag eine Badebürste mit langem Stiel.
So bewaffnet marschierte sie Samstag für Samstag an unserem Haus vorbei in das Schulhaus zum Baden.

Der Patriarch

Am Anwesen meiner Großeltern gehe ich vorüber, das von meinem Vetter und seiner Familie zu einem Reiterhof gemacht worden ist. Auf diesem Bauernhof habe ich meine Kindheit verbracht. Als Vater in den Krieg musste, waren Mutter und ich dort zu Hause.
Der Gewölbekeller, in dem wir das Ende des Krieges abgewartet haben, ist noch vorhanden. Die Kellertüre ist geöffnet und beim Vorübergehen steigt mir der Geruch von gelagertem Obst, Kartoffeln und Most in die Nase, verstärkt das Heimatgefühl.
Mein Urgroßvater, der alte Schuhmann, hatte auf diesem Hof regiert wie ein Patriarch. Er galt etwas im Dorf. Zwei Ehefrauen und eine Tochter hat er überlebt.
Wenn er mit seinem Pferdefuhrwerk vom Feld kommend über die Landstraße fuhr, beanspruchte er die gesamte Straßenbreite, ließ jedes der damals noch seltenen Autos hinter sich herzuckeln, wich keinen Millimeter.
Hat sich doch einmal einer der Fahrer erdreistet und das Überholen erzwungen, bekam er einen Peitschenhieb auf das Wagendach.
So stur, unnachgiebig herrschte er auch über die Familie.
Auch mit der Übergabe des Hofes an meinen Großvater ließ er sich Zeit.
Bei mir, der Urenkelin, war er vollkommen verwandelt. In meinen Händen war er wie Wachs. So hat man es mir jedenfalls erzählt.
Ich habe ihn gut gekannt, und als er beinahe 96-jährig starb, ohne jemals ernsthaft krank gewesen zu sein, war ich gerade 12 Jahre alt geworden.
Nach seinem Tod rückte mein Großvater auch als Familienvorstand an seine Stelle, selbst schon von Krankheit gezeichnet.
Nicht lange nach Urgroßvater starb auch mein Großvater. Er hatte Magenkrebs und Großmutter folgte ihm vier Jahre später. Sie litt an Leberzirrhose, obwohl sie kaum jemals Alkohol zu sich genommen hatte.
Eine der Töchter übernahm schließlich den Hof.

Der Krieg

Während des Dritten Reiches waren die Dorfbewohner in ihrer Mehrheit allesamt große Hitler-Anhänger.
Heil haben sie geschrieen. Heil!
Und den Arm gehoben, sind stramm gestanden und haben Andersdenkende ans Messer geliefert.
Der zweite Weltkrieg brachte auch über meine Familie großen Kummer.
In unserer Straße - sie war damals noch keine fünfhundert Meter lang - sind dreißig junge Männer in den Krieg gezogen; siebenundzwanzig sind dort geblieben.
Auch Wilhelm, der einzige Sohn meiner Großeltern, der einmal den Hof übernehmen sollte, blieb im Krieg, er starb an seiner Verwundung in einem Lazarett genau an seinem 23. Geburtstag.
In einem Abschiedsbrief, den er einer Krankenschwester auf dem Sterbebett diktiert hatte, sprach er von seiner Sehnsucht nach zu Hause, dachte an alle, auch an mich, schrieb, wie gerne er mich hätte aufwachsen sehen.
Als ich schon beinahe erwachsen war, bekam ich diesen Brief zu Gesicht.
Da überfiel mich eine unbändige Sehnsucht, Heimweh nach meinem Vater, nach Onkel Wilhelm, nach allen Männern der Familie, die im Krieg geblieben sind und mich ohne männliche Begleitung aufwachsen ließen.

Der Dolengraben

Ich gehe durch die Neugasse. Hier führte damals der "Doulegraawe" entlang, in dem die Abwässer des Dorfes sich gesammelt haben und zum Schwarzbach geleitet wurden. Bei Wetterwechsel war die Luft voll vom Gestank der Dole.
Der Graben war in seiner ganzen Länge mit Eisenstäben gesichert. Ab und zu führte ein Steg aus Sandsteinplatten über den Graben.
In der Nähe war die Kinderschule.
Auf dem Nachhauseweg haben wir an diesen Stangen geturnt, unsere Purzelbäume geschlagen. Hin und wieder fiel einer der ganz Mutigen bei seinen allzu forschen Übungen in die trübe, stinkende Brühe.
Mir selbst ist das nie passiert, ich bin nie so mutig gewesen.

Die Kinderschule

Die Kinderschule, die ich jeden Tag meist widerwillig besucht hatte, war ebenfalls verschwunden.
Schwester Barbara war für uns Kinder zuständig. Wir saßen alle in Reih und Glied auf kleinen Bänken, die direkt an den Tischen festgemacht waren und die ganze Breite des Raumes einnahmen. Unsere Hände hatten auf dem Tisch zu liegen, die Daumen nach unten geklappt.
So saßen wir oft stundenlang, ohne etwas anderes zu tun, als zu singen und zu beten und Bibelgeschichten zu hören.
Wenn ein neues Kind in den Kindergarten kam und weinte, weil es vielleicht Heimweh nach seiner Mutter hatte, mussten wir uns allesamt erheben. Wir strichen mit dem rechten Zeigefinger über den ausgestreckten linken und sagten immer und immer wieder im Singsang: "Ätsch, ätsch, ausgelacht!"
Nie werde ich vergessen, wie meine Freundin Erika sich neben mir auf den Tisch übergeben musste. Drei kleine Häufchen hat sie auf den Tisch gespuckt und bekam dafür von der Schwester Schläge. Erika hatte lange den Finger gestreckt, wollte der Schwester sagen, dass ihr übel sei. Doch diese hat sie einfach nicht beachtet. Bis dann das Malheur passiert war.
Schlimm war es für mich gewesen, wenn ich während der Kinderschulstunden auf die Toilette musste. Schwester Barbara hat dies nicht gestattet. Also habe ich mein Bedürfnis unterdrückt bis die Kinderschule aus war.
So wurde der Heimweg für mich häufig zur Tortur.
Bis zur Eingangstreppe vor unserem Haus konnte ich das Pinkeln unter Schmerzen verdrängen. Sobald ich jedoch vor der Haustür angelangt war, lief mir das Wasser die Beine hinunter. Ich bin oft mit nasser Unterhose nach Hause gekommen.
Heute fällt mir auf, dass meine strenge Mutter darüber nie ein Wort des Tadels verloren hat.

Die Spar- und Darlehenskasse

An der Stelle, wo einst der Kindergarten stand, steht jetzt das imposante Gebäude der Volksbank.
Die Spar- und Darlehenskasse, wie die Bank damals hieß, war in einem kleinen, windschiefen Häuschen in der Kandelstraße untergebracht.
Nach der Schule hatte ich mich dort um eine Lehrstelle beworben, aber daraus wurde nichts. Der Darlehenskassenleiter hatte selbst Nichten genug, die eine Lehrstelle suchten.
Wir Mädchen ohne Vater hatten es schwer, einen geeignete Ausbildungsplatz zu finden. Viele gingen nach der Schule als Hilfsarbeiterinnen in die Fabrik.

Jakob und Julchen

Und hier stand Julchens kleines Häuschen, in dem sie mit Jakob und der kleinen Tochter Liesel gelebt hat.
Die Mauern waren krumm, der Putz vorgewölbt und stellenweise abgeblättert, so dass die Kalksteinwand bloß lag.
Die kahlen Stellen sahen aus wie viele große und kleine Wunden.
Mit dem Häuschen sind auch die Wunden verschwunden, und auch an seine Bewohner verschwendet kaum jemand mehr einen Gedanken. Julchens Grab auf dem Dorffriedhof ist längst nicht mehr, und Liesel liegt auf dem Heidelberger Bergfriedhof begraben. Sie starb an einem Gehirntumor.
Der Jakob war für die, die sich in ihrem Heil-Schreien gegenseitig übertrumpften, ein großes Ärgernis.
Er war keiner von ihnen, kam von irgendwoher.
Von wo, wusste niemand genau.
Man hat ihn auch nicht gefragt, wollte es gar nicht wissen.
Eines Tages war er als Handwerksbursche im Dorf aufgetaucht. Und Julchen, die fromme, kleine, unscheinbare Julchen verliebte sich Hals über Kopf in ihn.
Die zwei heirateten und wurden glücklich miteinander.
Die Heil-Schreier hatten schlimme Prophezeiungen ausgestoßen.
Dass Jakob nach zwei Glas Bier Anti-Hitler-Reden schwang, konnten, durften sie nicht dulden.
Seine andere Denkweise nahmen sie ihm besonders übel. Jakob war ein Kommunist. So jemand war in einem Dorf, in dem Hitler hoch im Kurs stand, unerwünscht.
Seine Entmündigung wegen Trunksucht war der Auftakt zu den schlimmen Ereignissen um Jakob. Sie fanden ihr Ende 1941 in den Steinbrüchen bei Mauthausen.
Wie muss sich Julchen gefühlt haben, als sie den Brief mit der Nachricht, dass sie Jakobs Urne gegen Vorkasse von fünf Reichsmark abholen könne, in Händen hielt?

Die Mühle

Ich gehe weiter, suche in der Schwarzbachstraße bei der Brücke die alte Mehl-, Öl- und Sägemühle, sehe vor mir das große Mühlrad.
Hierher haben wir unser Getreide gebracht und die Bucheckern gegen Öl eingetauscht, die es in jenem Jahr so reichlich gab, und die wir mühsam gesammelt hatten.
Die Mühle ist nicht mehr da.
Stattdessen finde ich hier am Schwarzbach ein Mini-Mühlrad. Es dreht sich, batteriegetrieben um seine Achse.
"Am Abend ist es beleuchtet", erklärt mir stolz ein Anwohner. Es ist der alte Schuster. Er hat mich nicht erkannt.

Der Schlosshof

Auf meiner Suche nach den Stätten meiner Kindheit führt mich mein Weg durch die Schlossgasse.
Auch der Schlosshof, den im vorletzten Jahrhundert der Vater meines Urgroßvaters gepachtet hatte, ehe er das Anwesen in der
Oberstraße gekauft und sich dort niedergelassen hatte, war nicht mehr da.
Hier hat man einen rechteckigen Würfel mit Flachdach in die Landschaft gestellt. Auf meine Frage, was denn dieser Riesenklotz darstellen solle, erklärte mir ein junger Mann beinahe empört: "Das ist doch unsere Kultur- und Sporthalle!"
"Und das ist unsere neue Grund- und Hauptschule!" ließ sich stolz ein anderer Junge vernehmen und zeigt auf ein geschmackvolles Gebäude mit viel Holz und Glas und Walmdach.
Was ich sehe, gefällt mir gut, versöhnt mich etwas mit der Kultur- und Sporthalle.

Die alte Schule

Ich wandere durch die Schulstraße und finde tatsächlich das alte Schulhaus noch. Das Jahr seiner Erbauung 1906 steht deutlich über dem Eingangstor.
Welches Wunder ist da geschehen, dass dieses Gebäude erhalten geblieben ist?
Die Nachkriegszeit fällt mir ein, als die Amerikaner im Dorf waren. In der Schule hatten sie Büroräume untergebracht. Die übrigen Räume wurden als Schule benutzt.
Quer durch die große Pausenhalle war eine Bretterwand gezogen worden, die uns Schüler von den Amerikanern fernhalten sollte.
Die Absperrung war nicht lange wirksam. Die Amerikaner haben bald ein Loch in die Holzwand gesägt und uns täglich durch das Loch Schokolade zugesteckt.
Ich gehe zum Eingangstor. Es ist verschlossen.
Eine alte Frau biegt um die Ecke. Sie sieht mich, sagt: "Do kenne sie net nei, do isch zugschlosse."
Ich bedanke mich, will gerade fragen, wem das Gebäude jetzt gehöre, da ruft sie ungläubig: "Marie, bisch du des?"
Ich muss recht verständnislos geschaut haben, denn die alte Frau sagt erstaunt: "Kennsch mi net? I bin doch d Stiers Kathrine!"
Jetzt, nachdem sie sich vorgestellt hat, erkenne ich sie wieder.
Sie wohnt immer noch neben der Schule.
Früher hat sie sich oft über mich geärgert, wenn ich von den wunderschönen Rosen in ihrem Vorgarten gepflückt hatte, um sie am Muttertag zu verschenken.
Sehr herzlich fragt sie mich, wie es mir gehe, was ich mache und erzählt, dass die alte Schule nun ein Vereinsheim sei.
Sie hat mich eingeladen, sie einmal zu Hause zu besuchen, hat sich sichtlich sehr gefreut über meinen Besuch im Dorf.
Beim Abschied meinte sie noch leise: "Widd net widder hoomkumme?"
Hoomkumme?
Da taucht zum ersten Mal die Frage auf, die ich die ganze Zeit verdrängt hatte.
"Widd net widder hoomkumme?" hat Frau Stier gefragt.
"Nach so vielen Jahren?" frage ich mich im Stillen.

Der Bahnhof

Ich zwinge mich, endlich den Gang zur Bahnhofstraße zu wagen.
Alle wichtigen Straßen habe ich durchwandert, habe kaum mehr etwas wiedergefunden von dem, was ich gesucht habe.
Doch vor der Bahnhofstraße drücke ich mich.
Der Bahnhof war der Anlass, dass ich damals fortgegangen bin mit der festen Überzeugung, das Dorf nie mehr zu betreten.
An der Stelle angekommen, sehe ich einen Bahnhof in Kleinformat.
Es ist ein Unterstand, der an der Haltestelle die Reisenden vor Regen schützen soll. Gleich dem Mühlrad an der Mühlenstraße haben sie hier eine Minikopie des Bahnhofes hingestellt.
Ob man in meinem Dorf wohl nur Platz für Miniaturen hat?
Schnell schiebe ich diesen bitterbösen Gedanken zur Seite.
Gegen Ende des Krieges war ein Zug auf diesem Bahnhof beschossen worden, sechs Tote waren zu beklagen. Sogar auf den Kastanienbäumen entlang der Bahnhofstraße hingen ihre Leichenteile.
Doch es gibt auch schöne Erinnerungen an den Bahnhof.
Damals, als ich im Konfirmandenalter war, bot dieser Bahnhof die einzige Abwechslung für uns Jugendliche. Kein Kino, geschweige denn eine Diskothek hat es zu jener Zeit gegeben. Wir haben nichts vermisst.
An Wochenenden wanderten wir Mädchen singend in Reihen zum Bahnhof, schauten, wer ankam, wer wegfuhr.
Verstohlen folgten uns die Jungen.
Wir sind "uff de Achtezug" , "uff de Zwelfezug" , "uff de Sechsezug" gegangen. Viel mehr Züge sind nicht gefahren. Jedes Wochenende das gleiche Ritual.
Hier war die Verbindung zur Welt, hier haben die Dorfbewohner ihre Soldaten in den Krieg verabschiedet, sie oft hier zum letzten Mal gesehen.
Und nun, gegen Ende der 70er Jahre sollte es diesem Bahnhofsgebäude an den Kragen gehen. Ein Stück meiner Jugend sollte verschwinden.

Krieg im Dorf

Das Bahnhofsgebäude stammte von 1876 und war das älteste an dieser Strecke.
Der Streit begann damit, dass die Bundesbahn diese Strecke an einen privaten Unternehmer verkaufen wollte und das Gebäude dem Dorf zum Kauf angeboten hat.
Zuerst schien es, als ob die Gemeinde dieses Angebot annehmen würde. Doch dann hatte eine Partei das Gebäude zum Zankapfel ausgewählt. Der Bahnhof wurde zum Politikum.
Die eine Partei wollte das Gebäude erhalten, die andere plädierte für den Abriss.
Voller Emotionen wurden Hetzreden gehalten, Lügen verbreitet, Leserbriefe geschrieben, Flugblätter verteilt, Lautsprecherwagen heizten die Stimmung an. Es war ein Klima im Dorf, wie es schlimmer nicht hätte sein können.
Die Fronten verhärteten sich mehr und mehr, der Riss ging quer durch Familien, durch Freundschaften, ja selbst Partnerschaften hielten dem Druck nicht stand. Auch meine nicht.
Im Dorf war Krieg ausgebrochen!
Ich habe für den Erhalt dieses Gebäudes gekämpft und konnte die Menschen nicht erreichen, konnte kaum jemand von der Unsinnigkeit des Abbruchs überzeugen.
Ohnmächtig musste ich zusehen, wie sich die Mehrheit für den Abriss entschied.

Der Abriss

Ich betrachte den nachgemachten Minibahnhof, und er verwandelt sich vor meinem inneren Auge in den alten Bahnhof.
Sehe den Abbruchhammer auf das intakte Gebäude einschlagen, sehe die erste Mauer einstürzen, den Greifarm des Baggers zupacken, sehe den großen Schutthaufen, der von dem Gebäude, das mich durch meine Kindheit und Jugend begleitet hatte, übriggeblieben war.
Ich zwang mich, bei dieser Zerstörung zuzuschauen, damit ich sie nie mehr vergessen würde.
Danach habe ich das Dorf verlassen und habe versucht, in der Stadt heimisch zu werden.
Und nun bin ich wieder hier! Die Erinnerung wühlt mich für einen kurzen Augenblick so auf, dass ich am liebsten fliehen will.
Dann höre ich wieder die Frage von Käthchen Stier an meinem Ohr:
"Widd net widder hoomkumme?"

Das Fest

Heute werden wir unsere Goldene Konfirmation feiern.
Wir treffen uns im Gemeindehaus. Ehe wir zur Kirche aufbrechen, will uns der neue Pfarrer kennenlernen.
Im Gemeindehaus sehe ich meine alten Freunde, meine Schulkameradinnen und Schulkameraden, die beste Freundin aus Kinder- und Jugendtagen, die aus der Schweiz angereist war.
Wir fallen uns alle um den Hals. Jeder freut sich, dass er den anderen sieht.
Dann stellen wir uns auf, gehen in feierlichem Zug zur Kirche.
Auf der Empore stehen unsere katholischen Schulkameraden.
Alle sind gerührt, Tränen fließen.
Beim feierlichen Gottesdienst schweigen sogar meine kritischen Gedanken. Ich habe das Gefühl, ich bin daheim.
Unser alter Pfarrer ist da. Er hat uns vor fünfzig Jahren eingesegnet. Neunzig Jahre ist er im letzten Dezember geworden, marschiert mit uns zum Friedhof und wieder zurück.
Er sucht das Grab von Frau Obländer, die während seiner Amtszeit bei einer Beerdigung einen Herzschlag erlitten hat. Sie ist einfach auf dem Weg mit dem Leichenzug tot umgefallen.
Nach dem Gottesdienst stellen wir uns zum Gruppenbild auf.
Der alte Herr steht zwischen uns, und man sieht keinen Unterschied zwischen uns, seinen ehemaligen Konfirmanden und ihm, dem neunzigjährigen Pfarrer.
Anschließend feiern wir im einzigen Gasthaus des Dorfes unser Wiedersehen. Jeder freut sich mit mir. Ich fühle mich wohl. Erinnerungen werden ausgetauscht, angenehme und unangenehme. Die schwerste Zeit unseres Lebens, die Kriegs- und Nachkriegszeit haben wir miteinander erlebt.
Auch die Sache mit dem Bahnhof kommt zur Sprache und ich spüre das Bedauern über die Geschehnisse von damals, und alle bemühen sich, die Sache vergessen zu machen.

Ich werde heimkommen

Zum zweiten Mal stellt jemand die Frage: "Widd net widder hoomkumme?" "Du gheersch doch doheer!"
Ich weiß nicht, wer sie gestellt hat.
Und dann ist das Fest vorbei.
Beim Abschied noch einmal von jeder Kameradin, jedem Kameraden eine herzliche Umarmung und der Satz: "Kumm widder hoom!"
Mit dem Versprechen, dass ich mir das überlegen wolle, sage ich um Mitternacht Adieu.
Ich brauche nicht mehr zu überlegen, ich habe mich schon entschieden.
In ein paar Wochen, wenn ich in den Ruhestand gehe, werde ich in mein Dorf zurückkehren. Hier gehöre ich her.
In Gedanken renoviere ich bereits die leerstehende Wohnung in meinem Elternhaus und richte sie ein.
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