Kraichgauwortschatz

Marliese Echner-Klingmann

Kraichgauwortschatz

Wörter und Wendungen aus dem östlichen Kraichgau
mit Zeichnungen von Edgar John

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Leseprobe

Die Mundartlandschaft des östlichen Kraichgaues
Rudolf Post, Freiburg

Das hier vorliegende Wörterbuch dokumentiert den Wortschatz aus dem östlichen Kraichgau und Teilen des sogenannten Elsenzgaus. Der ungefähre Mittelpunkt dieses Gebietes ist Sinsheim. In Nord-Süd-Richtung, von Waldwimmersbach bis Kürnbach misst es etwa 33 km und von Eichtersheim im Westen bis Bad Rappenau im Osten etwa 25 km. Dieses Gebiet liegt - aus der Perspektive der Großgliederung der deutschen Mundarten - in einer sehr interessanten Zone, nämlich nahe an der Grenze zwischen den sogenannten oberdeutschen und mitteldeutschen Mundarten. Zu den oberdeutschen Mundarten gehört das Schwäbische, das unmittelbar im Südosten angrenzt und mit einigen Eigentümlichkeiten auch unser Gebiet beeinflusst. Zu den mitteldeutschen Mundarten dagegen gehört das Fränkische, das hier bei uns als Südfränkisch und in seiner Nachbarschaft als Rhein-fränkisch (Pfälzisch) und Ostfränkisch in Erscheinung tritt. Die Mundarten in diesem Gebiet haben vieles miteinander gemeinsam, weisen aber auch, wie wir noch sehen werden, einige deutliche Unterschiede zueinander auf.

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Was nun charakterisiert die Mundart des hier vorgestellten Raums gerade gegenüber den Mundarten in ihrer Nachbarschaft? Gibt es unverwechselbare Merkmale, die nur den Mundarten dieses Raumes zukommen? Gibt es typische Kennwörter?

Das hier vorliegende Wörterbuch dokumentiert den Wortschatz aus dem östlichen Kraichgau und Teilen des sogenannten Elsenzgaus. Der ungefähre Mittelpunkt dieses Gebietes ist Sinsheim. In Nord-Süd-Richtung, von Waldwimmersbach bis Kürnbach misst es etwa 33 km und von Eichtersheim im Westen bis Bad Rappenau im Osten etwa 25 km. Dieses Gebiet liegt - aus der Perspektive der Großgliederung der deutschen Mundarten - in einer sehr interessanten Zone, nämlich nahe an der Grenze zwischen den sogenannten oberdeutschen und mitteldeutschen Mundarten. Zu den oberdeutschen Mundarten gehört das Schwäbische, das unmittelbar im Südosten angrenzt und mit einigen Eigentümlichkeiten auch unser Gebiet beeinflusst. Zu den mitteldeutschen Mundarten dagegen gehört das Fränkische, das hier bei uns als Südfränkisch und in seiner Nachbarschaft als Rhein-fränkisch (Pfälzisch) und Ostfränkisch in Erscheinung tritt. Die Mundarten in diesem Gebiet haben vieles miteinander gemeinsam, weisen aber auch, wie wir noch sehen werden, einige deutliche Unterschiede zueinander auf. Was nun charakterisiert die Mundart des hier vorgestellten Raums gerade gegenüber den Mundarten in ihrer Nachbarschaft? Gibt es unverwechselbare Merkmale, die nur den Mundarten dieses Raumes zukommen? Gibt es typische Kennwörter?

Bevor näher auf diese Fragen eingegangen werden kann, soll ein kurzer Forschungsüberblick zeigen, was bisher über die Mundarten dieses Raums erkannt worden ist. Um es gleich vorweg zu sagen, es gibt leider bisher keine einzige flächendeckende mundartgeographische Darstellung über dieses Gebiet. Einzig durch Hermann Humburgers Darstellung von 1980 "Volksmund im Land am Steinsberg" und - in nun wesentlich systematischerer Form - durch dieses hier vorliegende, auf Humburger aufbauende Wörterbuch, kann man sich einen ungefähren Uberblick über mundartliche Lautungen und den Wortschatz dieses Gebietes verschaffen. Doch ein Wörterbuch ist von seinem Ansatz und seinen Möglichkeiten keine mundartgeographische Darstellung. Das heißt, es zeigt in der Regel nicht die Veränderung von Sprache im Raum oder den Verlauf von charakteristischen Mundartgrenzen. Hermann Humburger vertröstet daher den Leser im Vorwort seines Werks: dass er sich nicht daran stoßen solle, wenn er dies oder jenes Wort mit anderer Lautung findet, als er es von seinem Heimatdialekt gewohnt ist. Ein Wörterbuch könne nicht jeden kleinen lokalen Sprachunterschied berücksichtigen.

Wenn es auch für unser Gebiet noch keine dialektgeographische Darstellung gibt, so lässt sich doch aus benachbarten Untersuchungen oder den Karten des Deutschen Sprachatlasses und des Deutschen Wortatlasses einiges über Sprachgrenzen im Umfeld unseres Gebietes herausfinden. Für das im Westen angrenzende Gebiet kann man die materialreiche Arbeit von Paul Waibel über die Mundarten im rechtsrheinischen Bereich des ehemaligen Fürstbistums Speyer aus dem Jahr 1932 heranziehen, diese Arbeit konzentriert sich auf den Raum Bruchsal-Wiesloch, reicht aber an den Westrand unseres Gebietes. Für den Norden kann auf die Darstellung von Oskar Kilian in der Kreisbeschreibung Heidelberg-Mannheim vom Jahr 1966 zurückgegriffen werden. Im Osten tangiert die Abhandlung von Gerhard W. Baur aus der Beschreibung des Neckar-Odenwald-Kreises vom Jahr 1992 unser Gebiet. Im Süden sind vor allem die Untersuchungen zum Verlauf der fränkisch-alemannischen Sprachgrenze von Karl Braun (1906), Karl Bohnenberger (1907) und Arno Ruoff (1992) ergiebig. Innerhalb des oben beschriebenen Gebietes existieren umfassende Darstellungen zu drei Ortspunkten, nämlich für Rappenau mit den Darstellungen von Othmar Meisinger, für Rohrbach bei Eppingen von Ludwig Veith und für Zaisenhausen von Emma Wanner. Genauere Angaben zu allen eben erwähnten Arbeiten finden sich am Ende dieses Beitrags.

Die Mundarten des hier zu betrachtenden Gebiets lassen sich mit Hilfe sprachlicher Eigenheiten relativ deutlich vom Rheinfränkisch-Pfälzischen im Nordwesten und dem Alemannisch-Schwäbischen im Südosten abgrenzen. Das Rheinfränkisch-Pfälzische erkennt man leicht an den erhaltenen p-Lautungen, die in unserem Gebiet - wie im übrigen Oberdeutschen - zu pf bzw. bf geworden sind. Viele kennen ja den Spruch: In de Palz geht de Parrer mit de Peif in die Kerch, der auf diese p-Lautungen (PaIz, Parrer Peif) anspielt. Auf unserer Karte ist exemplarisch die Linie Poschde/Pfoschde eingezeichnet. Nach dieser Linie würde man in Waldwimmersbach und Spechbach noch Poschde sagen, während das gesamte übrige Gebiet Pfoschde bzw. Bfoschde artikuliert. Diese Linie und auch alle übrigen, beruhen auf älteren Spracherhebungen, so dass heute Verlagerungen nicht ganz auszuschließen sind. Weiter im Nordwesten verläuft die sogenannte Appel-Apfel-Linie.

Im Süden berührt unser Gebiet das Alemannische, genauer die alemannische Untermundart des Schwäbischen. Typisch für die angrenzenden alemannischen Mundarten sind zahlreiche Diphthonge wie Blueme/Bloeme ‚Blumen', Ri-eme/Re-äme ‚Riemen' usw. Auf unserer Karte zeigt die Sprachlinie mlldmüad ‚müde' den Ubergang zum schwäbischen Sprachgebiet. Typisch Schwäbisch sind auch Konjugationsformen mit auslautendem -t wie z.B.: wir/ihr/sie lautet, machet usw. Schwäbisch ist auch gwä ‚gewesen' während hier gwäst gesagt wird.

Nach Osten lässt sich eine Grenzlinie im Bereich des Neckars finden, an der die für unser Gebiet typischen gedehnten Diphthonge -aal- in Wörtern wie haaiß, Gaaiß, braaid usw. zu Monophthongen werden, also hääß/hääß/heeß, Gääß/ Gääß/Geeß, brääd/brääd/breed. Diese Monophthong-Formen finden sich übrigens auch im Norden und Nordwesten, etwa nördlich der Poschde-PfoschdeLinie. Etwas weiter über den Neckar hinaus, im sogenannten Bauland, findet sich eine besondere Dialekt-eigentümlichkeit: Hier wird s häufig zu sch, also Hausch, Mausch, Gansch, Nääsche für Haus, Maus, Gans, Nase.

Als Grenzlinie zwischen den östlichen und westlichen Kraichgauer Mundarten kann eine Linie herangezogen werden, die den Schwund bzw. Erhalt des wortauslautenden -e in bestimmten Wörtern dokumentiert. Als Beispiel ist in der Karte das Wort Sonne gewählt. Im westlichen Kraichgau heißt es Sunn, hier im Osten Sunne. Ahnlich ist es bei Wörtern wie Kapp-Kappe, Naas/Naase, Supp/Suppe usw.

Nun wären einige Grenzen nach Norden, Süden, Osten und Westen dargestellt. Als Ergebnis ließe sich festhalten, dass ein Mundartsprecher, der Pfoschde, mild, haaiß und Sunne sagt, ziemlich genau aus dem hier vorgestellten Gebiet kommen muss.

Wenn auch durch diese Merkmale die Mundart dieses Raumes als einheitliches Gebilde erscheit, so gibt es doch auch Unterschiede in ihrem Innern. So zeichnet sich, wie auf der Karte zu sehen ist, die nördliche Hälfte dadurch aus, dass langes 0 zu einem Diphthong geworden ist, also houch/häuch ‚hoch', Koule/Käuie ‚Kohle', Oufe/Äufe ‚Ofen'. Eine Nord-Süd Teilung ergibt sich ebenfalls bei dem Wort hat. Nördlichem hot (hodd) steht südliches hat (hadd) geg enüber. Unterschiede in Ost-West Richtung ergeben sich bei einigen Wörtern mit -Id- oder -nd- im Inlaut. Also Hoher gegen Holder, Kinner gegen Kinder. Besonders reich an Lautvarianten sind bestimmte Einzelwörter: Als Musterbeispiel hierfür können die Bezeichnungen für die Ameise herhalten: Eemeense, EImeense, Imässe, Imiinse, Eelemääse, Umääse usw. Ahnliches gilt für die Bezeichnungen der Brombeere: Braubeer~ Brumbeer, Brumelde, Brumbede u.a.

Es gibt jedoch nicht nur lautliche, sondern auch wortgeographische Unterschiede innerhalb unseres Gebiets. Das heißt, ein und der selbe Sachverhalt kann in einem Teilgebiet so, im anderen so genannt werden. So kann jemand, der sich am Kopf gestoßen hat, in einem Gebiet sagen, er habe ein Horn davongetragen, der im anderen Gebiet aber klagt über einen Bobbl. Dem einen tut dann das Gnigg weh, dem anderen die Anggl. Im Norden unseren Gebiets tut man, wenn man auf-gebracht ist, gern schänne, im Westen scheide und im Osten schimbfe. Hier schmiert die Mutter den Kindern ein Schdiggbroud, dort ein Muusebroud und anderswo ein Gseldsbrood.

Und die Aufzählung lässt sich noch erweitern: Schdeggnoodi - Gluuf - Gluufde ‚Steck-na-del'; iddriche - daaie ‚wiederkäuen bei Kühen'; wiehern - huddschle ‚wiehern vom Pferd'; Gänsie - Griele ‚kleines Gänschen, Gänseküken'; Giggler - Gigger ‚Hahn'; Kaader - Rälier ‚Kater'; Breeme - kihmugg ‚Viehbremse'; Diggkopf - Rohimobs - Bfanneschdiei ‚Kaulquappe'; Wihier - Mausewihier ‚Maulwurf'; Gwedde - Brooch-wordsi ‚Quecke' usw.

Der hier angedeutete Reichtum und die Vielfalt der mundartlichen Lautung und des Wortschatzes sind das Ergebnis einer jahrhundertelangen Entwicklung. Mundarten sind also nicht heruntergekommenes oder gar schlechtes Hoch-deutsch, denn die Mundarten haben im Verhältnis zum Hochdeutschen eine viel längere und dazu eigenständige Geschichte. In den Mundarten tritt eine über viele Generationen tradierte Volkskultur zu Tage, die mit Recht als wertvolles Kultur-gut angesehen werden kann. Es ist also eine verdienstvolle Leistung, dass das von Hermann Humburger begründete Wörterbuch von Marliese Echner-Klingmann mit großem persönlichen Einsatz überarbeitet wurde und nun wieder zu erwerben ist. Dass dies möglich war, ist neben der Bearbeiterin, dem Heimatverein Kraichgau zu danken.

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